Zeitreise

Ein Besuch in Me’a She’arim ist wie eine Reise in eine andere Epoche. Plakate weisen darauf hin, dass man das Viertel nicht in unanständiger Kleidung betreten soll. Für Frauen heißt das: so wenig nackte Haut wie möglich, lange Röcke, Kopftücher. In Me’a She’arim leben ultraorthodoxe Juden. Ohne Fernseher. Ohne Radio. Ohne Internet. Informationen holen sie sich von den Wandzeitungen, also Plakaten, die überall in der Stadt aufgehängt werden. Die Menschen hier folgen strengen Regeln. Frauen müssen sich zum Beispiel nach der Entbindung und nach der Menstruation in der sogenannten Mikwe, einem Bad, reinigen. Neu gekauftes Geschirr muss ebenfalls in einer separaten, kleinen Mikwe gewaschen werden. Es geht dabei aber nicht um Sauberkeit und Hygiene (also mit Seife oder Spülmittel), sondern lediglich um die rituelle Reinigung.

Verheiratete Männer schauen in Me’a She’arim weg, wenn sich ihnen eine Frau nähert – um schlechte, ehebrecherische Gedanken gar nicht erst aufkommen zu lassen. Verheiratete Frauen tragen entweder Kopftücher oder Perrücken, um das echte, verführerische Haar zu verdecken. Manche, wenngleich wenige, rasieren sich sogar die Kopfhaare komplett ab. Zwei Erklärungen habe ich bisher dafür bekommen: Eine ist, dass die Frauen so verhindern wollen, dass auch nur ein Härchen unter dem Kopftuch hervorschaut. Die andere ist das Bad in der Mikwe: Die Frauen müssen hier vollständig untertauchen, mit allen Haaren. Außerdem darf kein Schmutz an ihrem Körper bleiben – auch kein loses Haar. Um diese Gefahr zu vermeiden, rasieren sie die Haare komplett ab.

Die Menschen hier wollen keine Zeit für Unnützes verschwenden, sondern ihr ganzes Leben Gott widmen. Sie müssen nicht – wie alle anderen Israelis, egal ob männlich oder weiblich – für zwei bis drei Jahre zur Armee gehen. Manche lehnen den Staat Israel sogar ab – nur der Messias könne einen jüdischen Staat wiedererrichten.

Und wer es wagt, an Schabbat mit dem Auto durch die Straßen von Me’a She’arim zu fahren, muss damit rechnen, mit steinen beworfen zu werden.

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6 Antworten zu Zeitreise

  1. Jakob W schreibt:

    Steinewerfen darf man am Sabbat? Wieder was gelernt.
    Viele Grüße an die Levante!

  2. Adam schreibt:

    Muss denn wirklich immer jeder, der nach Israel kommt, als erstes in dieses Viertel gehen und es wie einen Zoo darstellen?

    • lissy schreibt:

      Lieber Adam, nichs von dem, was ich geschildert habe, ist unwahr, oder? Was ich bei einer Tour mit einer ortskundigen, lange in Israel lebenden Dame gehört und was ich gesehen habe, habe ich wiedergegeben. Natürlich wäre ich gerne bereit, mehr und anderes aus diesem Viertel zu erfahren. Hast du Tipps? Lass hören!

  3. Adam schreibt:

    Nein, alles richtig. Aber jeder geht zuerst dahin, weil’s so exotisch ist. Ich finde das erwartbar.

  4. Liane schreibt:

    Lissy, ich finds super, was und wie du schreibst! Pass gut auf Dich auf!

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