Ahh, Germany!

„In Israel brauchst du Ellenbogen“, hat in der ersten Woche eine Rabbinerin erzählt. Man muss hier sagen, was man will, um es auch zu bekommen. Und ich gebe mir Mühe: An der Kasse und an den Security Checks ein bisschen zu drängeln; am Zebrastreifen nicht zu warten, sondern einfach loszulaufen und das Hupen mancher Autofahrer zu ignorieren; auf dem Gehweg den Entgegenkommenden einfach nicht auszuweichen, das macht hier nämlich gefühlsmäßig keiner. Ein bisschen ruppig erscheint mir das, doch Israelis sind nicht unfreundlich oder kühl oder abweisend. Im Gegenteil. Bleibe ich nur für ein paar Sekunden stehen, um auf meinen Stadtplan zu sehen, ist gleich jemand zur Stelle und will mir helfen. Obligatorisch die Frage: „Where are you from?“ „Germany!“ „Ahh, Germany.“ Es folgt stets eine ausschweifende Geschichte über Reisen nach Deutschland oder Europa, über die eigene Vergangenheit und sowieso über das eigene Leben. Israelis, so habe ich den Eindruck, sind unglaublich offen und kommunikativ. Und vergessen darüber hinaus sogar ihr eigentliches Geschäft.

Vor ein paar Tagen wollte mir ein Mann auf der Straße Nüsse und anderen Süßkram andrehen. Ich war auf dem Weg in das kleine Holocaust Museum in der Altstadt (gegenüber dem Davidsgrab), lehnte dankend ab und fragte nach dem Weg. „Come, I’ll show you.“ Der Mann lies alles stehen und liegen und begleitete mich bis zum Eingang, fragte mich dabei über mein Leben aus, warum ich in Israel bin und erzählte von sich.

Gestern war ich in Haifa unterwegs, blickte etwas verwirrt auf meinen Stadtplan. „You need help?“ fragte ein Taxifahrer, und erklärte mir, dass ich zu Fuß bis in den Stadtteil German Colony laufen könnte. Er würde mich aber auch fahren. Auch, wenn Taxifahren in Israel im Vergleich zu Deutschland sehr, sehr günstig ist, lehnte ich ab. Keine 500 Meter weiter hielt der Taxifahrer neben mir an. „Come, get in, I’ll drive you for free“, sagte er. Und so fuhr er mich tatsächlich kostenlos bis in das Viertel. Er erzählte, er sei einer der wenigen Christen hier, früher Arzt gewesen, Kardiologe, war deswegen auch oft in München. Aber man könne ja nicht sein ganzes Leben das Gleiche machen, deswegen sei er jetzt Taxifahrer. Ich fragte ihn, warum er das mache, einfach jemanden umsonst zu fahren. Er meinte, dass er es nicht übers Herz gebracht hätte, mich den ganzen Weg laufen zu lassen.

So ist Israel. Man braucht für vieles sicherlich Ellenbogen. Vor allem aber braucht man ein offenes Ohr für die vielen, spannenden (Lebens-)Geschichten, die einem hier erzählt werden.

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