Bye Bye, Bibi!

Über das Leben als Nachbarin des Ministerpräsidenten und die Sicherheitsvorkehrungen in Israel.

Die Straße des Ministerpräsidenten - rund um die Uhr bewacht.

Die Straße des Ministerpräsidenten – rund um die Uhr bewacht.

Nein, Benjamin „Bibi“ Netanyahu ist nicht, wie der Titel vermuten lässt, zurückgetreten. Er lebt weiterhin in seiner Ministerpräsidentenbude im schönsten Jerusalemer Stadtteil Rechavia. Doch ich bin nicht länger seine Nachbarin. Vor ein paar Tagen bin ich nämlich – pünktlich zum Beginn des Semesters – aus meinem Zimmer in einer schönen Altbauwohnung in Rechavia nach French Hill ins Studentenwohnheim gezogen.

Ein Tag vor meinen Abflug nach Israel Ende September sagte mir meine Zwischenvermieterin am Telefon: „Übrigens: Wir wohnen in derselben Straße wie der Ministerpräsident.“ Was das bedeutet, wollte ich wissen. „Hier ist es sehr sicher“, sagte sie mir. Schließlich steht rund um die Uhr Sicherheitspersonal in der Straße – mit geladenen Waffen.

Wenn Bibi zur Arbeit fährt oder abends nach Hause, dann bekommt das jeder in der Nachbarschaft mit. Die Sirenen heulen und signalisieren den anderen Autofahrern: Aus dem Weg, der Ministerpräsident kommt. Es soll schließlich schnell gehen, im Straßenverkehr stecken zu bleiben würde Attentäter die Arbeit erleichtern.  Aus diesem Grund ist Bibi auch stets mit mehreren Autos unterwegs und sitzt immer in einem anderen – keiner soll wissen, in welchem.

Die Dauerpräsenz von Waffen im Alltag, die enormen Sicherheitsvorkehrungen an den meisten öffentlichen Orten war für mich zunächst sehr ungewohnt. Es ist schon ein seltsames Gefühl, bei den morgendlichen Laufrunden an schwer bewaffneten Sicherheitsleuten vorbei zu müssen.

Das Studentendorf.

Das Studentendorf.

Hier auf dem Campus geht es mir nicht viel anders. Ins Wohnheim kommt nur, wer seinen Studentenausweis vorzeigt. Und morgens um acht bilden sich vor den Campustoren lange Studentenschlangen, die durch den Securitycheck müssen. Stichprobenartig (oder nach einem System, dass ich noch nicht durchschaut habe), durchsuchen die Sicherheitsleute Taschen. Und das nicht nur auf dem Campus, sondern in Restaurants, im Supermarkt oder im Busbahnhof.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob die vielen Sicherheitsleute mir ein Gefühl der Sicherheit geben, oder ständig aufs Neue vergegenwärtigen: Die Angst vor Anschlägen ist nicht unbegründet. Meine Mitbewohnerin sagte mir anfangs mal: Sie können noch so viel kontrollieren, ganz verhindern können sie Anschläge damit trotzdem nicht. Und wer einen Anschlag plant, muss mit der Bombe ja nicht durch den Scanner im Busbahnhof, er kann sich auch davor in die Luft sprengen.

Doch wenn Angst zum ständigen Begleiter im Alltag wird, macht ein Aufenthalt in Israel keinen Sinn. Und so geht es mir wie den meisten Israelis auch: Ich benutze weiterhin den Bus, reise, gehe ins Café oder mit Freunden ins Restaurant und versuche, nicht an die möglichen Gefahren zu denken.

Und statistisch gesehen ist es sowieso wahrscheinlicher, bei einem Autounfall in Deutschland ums Leben zu kommen, als bei einem Anschlag in Israel.

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Eine Antwort zu Bye Bye, Bibi!

  1. Beatriz schreibt:

    Lissy! Was für eine geile Erfahrung! LG, Bea!

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