Shabbat Shalom.

Sabbatmahl bei konservativen Juden. Drei Fettnäpfchen und eine Botschaft: Jeden Tag ein Stückchen über seine Grenzen hinauszuwachsen.

Viele (ultra-)orthodoxe Juden beten vor dem Sabbatmahl an der Klagemauer.

Viele (ultra-)orthodoxe Juden beten vor dem Sabbatmahl an der Klagemauer.

„Ist dein Handy lautlos?“, fragt mich meine Mitbewohnerin Haruhi am Freitagabend, als wir unsere Wohnung verlassen. Die Sonne ist schon seit einer Stunde untergegangen. Es ist Sabbat. Und am Sabbat gelten andere Regeln. Handy aus. Keine Fotoapparate (deshalb gibt es von diesem Abend auch keine Bilder). Und auch keine sonstigen elektronischen Geräte. Auch Autofahren ist tabu. Und wer das Licht nicht schon vor Sabbat angeknipst hat, sitzt an diesem Abend im Dunkeln. Zumindest gilt das für religiöse Juden. Und für deren Gäste.

Schnell greife ich in meine Jackentasche und schalte mein Handy ganz aus. Sicher ist sicher. Nicht vor Gottes Strafe fürchte ich mich, würde es bimmeln, sondern vor den bösen Blicken der Menschen, die gleich mit mir am selben Tisch sitzen und am Sabbatmahl teilnehmen. Die meisten von ihnen sind konservative, manche auch orthodoxe Juden.

Das Sabbatmahl servieren wöchentlich verschiedene jüdische Ehepaare, hauptsächlich für jüdische Studenten der Hebrew University. Aber auch Anders- und Nichtgläubige sind willkommen. Wer die Regeln der strengen Zeremonie allerdings nicht kennt, bricht sie schnell mal unwissentlich – und das kann ziemlich peinlich sein.

Meine Mitbewohnerin Haruhi und ich haben uns sehr kurzfristig entschlossen, zum Sabbatmahl zu gehen. Und so sind wir ein paar Minuten zu spät und verpassen den Anfang. Wir betreten den Raum. Es herrscht Stille. Ein duzend Männer mit Kippas und einige wenige Frauen blicken uns an. Alle sind gut gekleidet, in Hemd, schwarzen Lederschuhen und manche sogar mit Krawatte, die Frauen tragen Blusen und Strickjäckchen. Ich trage eine Jeans, einen Kapuzenpulli und Sneaker. In diesem Moment würde ich gerne sagen: „Ups, da haben wir uns wohl in der Haustür geirrt“, und kehrtmachen. Zu spät. „Kommt, setzt euch zu uns“, sagt Gastgeber Moshe und erläutert den Ablauf. „Wir werden jetzt gleich das Brot brechen, aber davor noch Hände waschen.“

Händewaschen? Hygienisch. Interessant nur, dass man dazu direkt aufgefordert wird.  Und Seife gibt es nicht, dafür einen Krug, in den man das Wasser aus dem Hahn füllt und dann über die Hände gießt. Ich fülle und gieße, mal links, mal rechts, fülle nach, reibe meine Hände, ungefähr so, wie es die Männer vor mir getan haben. Dass aber auch Händewaschen ein Ritual mit strengen Regeln ist, erfahre ich erst später.  Der Krug symbolisiert, wie Elisha Elijahs Wasser über die Hände goss. Man gießt jeweils zweimal über beide Hände. Erster Patzer.

Zurück am Tisch herrscht eisernes Schweigen. Sind alle schon so hungrig?  Um diese unerträgliche Stille zu brechen, bevor das große Mampfen losgeht, stelle ich ein paar Fragen. Zu dem Gebäude, in dem wir uns befinden. Zu der Zeremonie. Und keiner will mir so recht antworten. Bis mir Haruhi zuflüstert: „Wir dürfen zwischen Händewaschen und Brotbrechen nicht sprechen.“ Zweiter Patzer.

Ich denke noch mal über meine Fluchtmöglichkeiten nach. Bleibe dann aber doch. Ich habe schließlich Hunger und will unbedingt gefilte Fisch probieren, eine jüdische Spezialität aus Fisch in Form von kleinen Knödeln. Dann legt Moshe, unser Gastgeber und Thorastudent aus New York, die Hände auf sein Challa, das zopfförmige Brot. Er bedeckt seine Hände mit einer Serviette, murmelt ein paar Worte auf Hebräisch und bricht das Brot. Und wir mit ihm. Ende der Funkstille. Alle beginnen, von ihren Papptellern mit Plastikbesteck zu essen. Feierlich wirkt das nicht. Aber Arbeit und damit Abwasch sind am Sabbat eben auch verboten. Und so begehen wir lieber Umweltsünden.

Zwischendurch singen einige der Männer mit den Kippas, während andere noch essen. Moshe beginnt die Lieder, aber nach einigen Strophen singt doch jeder für sich, in seinem Rhythmus, mit geschlossenen Augen, die Oberkörper wippen vor und zurück. Dann erzählt Moshe noch eine Geschichte von Abraham, der auch in schwierigen Zeiten immer ein bisschen weiter gegangen ist und freundlich und offen und herzlich war zu seinen Mitmenschen. Wir sollten doch auch jeden Tag ein Stückchen über unsere Grenzen hinauswachsen.

Das gefällt mir. Ich bin froh, zum Sabbatmahl gekommen und geblieben zu sein. Trotz Fettnäpfchen. Und so macht es mir am Schluss auch nichts mehr aus, dass ich dem Gastgeber zum Abschied die Hand hinstrecke, das aber eigentlich nicht darf. „Das übernimmt in diesem Fall meine Frau.“ In diesem Fall – weil ich auch eine Frau bin. Dritter Patzer. Auf dem Rückweg lache ich darüber und freue mich über diesen schönen Abend und das leckere Essen. Jetzt weiß ich endlich, wie gefilte Fisch schmeckt. Erinnert optisch an Katzenfutter. Riecht auch ähnlich. Schmeckt aber sehr, sehr lecker. Dann schalte ich mein Handy wieder an.

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