Auf der anderen Seite

Immer schön wach bleiben sollte man in diesem spannenden Land. Irgendwann überkommt einen die Israelmüdigkeit dann aber doch.

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Kurz nach Weihnachten hat es mich erwischt. Ja, ich war nach einem Abendessen in Bethlehem krank und lag für ein paar Tage im Bett. Doch das meine ich nicht. Ich war Nahost-müde. Die Schwere, die hier in der Luft liegt, sobald man das Haus verlässt, war plötzlich unerträglich: die Sicherheitskontrollen am Eingang zur Universität, der Blick in die Zeitung voller Geschichten über Grenzen, Siedlungspolitik und Steinewerfer, die wöchentliche Frage, ob ich auf dem israelischen Mahane Yehuda Markt oder bei den arabischen Gemüsehändlern einkaufe.

Jeder Schritt im Alltag in Israel ist ein politischer. Ich wünschte mir eine Pause von alldem. Und ich verstand plötzlich meine israelischen Freunde, die genervt waren von all meinen Fragen zur Politik Israels, Palästinas und des Konfliktes an sich. „Ich lese keine Zeitung mehr“, sagte mir eine israelische Freundin vor einiger Zeit. „Ich will hier einfach ein ganz normales Leben führen.“ Das heißt morgens zur Uni fahren, dann lernen und abends weggehen. Über den nächsten geplanten Urlaub sprechen, über den Professor lästern oder Fußballspiele vom Wochenende analysieren. Nur nicht über die Frage diskutieren, wem das Land denn nun gehört, ob die Siedlungspolitik grundsätzlich abzulehnen ist und ob man Angst vor den arabischen Mitbürgern haben sollte.

Keiner entkommt dem Konflikt

Doch so ein normales Leben lebt man in Israel nur kurz. Als sich die Eltern der besagten Freundin einen Tag lang auf Anrufe nicht meldeten, wurde ihr mulmig. Sie schaute im Internet auf Nachrichtenseiten, ob es einen Anschlag gegeben hat. Man kann dem Konflikt  hier nicht entkommen. Und schließlich ist das Thema auch viel zu wichtig, um einfach die Augen zu verschließen.

Nur: Wie lässt sich das ändern, dass viele hier im Land keine Lust mehr auf den Nahostkonflikt haben? Es ist so verständlich, aber fatal zugleich. Wie sollen Politiker an der Lösung eines Konflikts arbeiten, wenn Teile der Gesellschaft sich nicht dafür interessieren, und die, die es tun, häufig sehr radikal sind? Wenn viele Bewohner Jerusalems nicht wissen, was ein paar  Straßen weiter, im arabischen Teil, passiert, wie es dort aussieht? Weil sie in ihrer eigenen Welt leben und nicht auf die andere Seite blicken?

Manche fragen: Was soll ich da?

Ich kann es so gut verstehen, und doch macht es mich manchmal wütend und traurig.
Wenn mir Studenten der Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen und Konfliktlösung erzählen, sie reisen niemals nach Palästina, nicht nur, weil sie nicht dürfen, sondern weil sie ja gar nicht wissen, was sie dort sollen und sie das Gebiet überhaupt nicht interessiert, dann stimmt hier irgendetwas nicht.

Ich bin zum Glück mittlerweile gar nicht mehr müde, vor allem meine Besucher mit ihren neuen Blickwinkeln, Kommentaren und Ideen haben mich wieder aufgeweckt und am liebsten will ich noch viel länger in diesem spannenden Land bleiben, als es mein derzeitiges Stipendium vorsieht. Ich bin einfach viel zu neugierig.

Den Eltern der Freundin geht es übrigens gut. Es gab keinen neuen Anschlag. Nur eine Reihe ganz normaler Missverständnisse.

Haaretz hat Ende Januar über Breaking the Silence berichtet: eine Organisation von IDF Soldaten, die in den besetzen Gebieten gedient haben. Sie organisieren Touren in die Westbank und haben sich zum Ziel gesetzt, den Alltag dort zu schildern.

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