Marsch nach Jerusalem

Zum 36. Mal protestieren heute, am sogenannten Land Day, Tausende Menschen aus Solidarität mit Palästinenser vor den israelischen Botschaften, an den Grenzen zu Israel, im Gazastreifen, in der Westbank und in Israel selbst. Am Damaskustor in Jerusalem gab es Kundgebungen und Straßengefechte – es flogen Orangen, Wasserflaschen und Tränengas.

Die, die sonst so harmlos wirken, stehen heute in der ersten Reihe. Sechs Frauen mit Kopftüchern und langen Gewändern sind es, die gegen drei Uhr nachmittags am Damaskustor Banner in den Farben Palästinas schwenken, Bilder von jungen Männern hochhalten und lauthals Parolen rufen. Frauen wie sie sehe ich sonst nur in der Altstadt auf dem Boden sitzend Salbei und Minze verkaufen.

Hinter ihnen stimmt eine Horde Männer in die Rufe mit ein. Und keine zehn Meter von ihnen entfernt stehen Soldaten und Polizisten. Die Stimmung ist gespannt, doch die Männer in Uniform sind noch ruhig. Einige rauchen eine Zigarette oder tippen auf ihren Handys rum. Bis Flaschen fliegen. Dann rennen die Soldaten. Vor ihnen die arabischen Demonstranten. Hinter ihnen Kameraleute und Fotografen.

Die Demonstrationen am Jerusalemer Damaskustor sind Teil des „Global March to Jerusalem“ und richten sich, wie einige der Veranstalter sagen, gegen die Landpolitik Israels. Traditionell und in diesem Jahr bereits zum 36. Mal protestieren am sogenannten Land Day weltweit Menschen aus Solidarität mit den Palästinensern: auch an den Grenzen zu Israel, in der Westbank und in Israel selbst.

Wenn Fotografen draufhalten, kracht es auch

Es ist eine seltsame Stimmung am Damaskustor. Eine Mischung aus schaulustigen Einheimischen, Touristen, Soldaten, Demonstranten und vor allem Journalisten tummelt sich dort. Die Pressemenschen – manche mit Schutzhelm, andere mit Sicherheitswesten, viele nur mit Fotokameras – scheinen hier in der Sultan Suleiman Straße in der Mehrheit zu sein. Und: Wenn nur genügend Medienleute draufhalten, dann kracht es auch.

Als die Plastikflaschen fliegen, greifen die Soldaten ein. Hintereinander rennen sie in die Menge. Männer auf Pferden versuchen, die neugierige Masse am Rand zur Seite zu drängen. Ein paar Minuten später führen die Soldaten die mutmaßlichen Werfer ab.

Auch am Checkpoint in Qalandia an der Grenze zur Westbank, am Gaza-Checkpoint Erez und an anderen Orten in Palästina kommt es laut Medienberichten zu heftigen Auseinandersetzungen: Nach dem Freitagsgebet sollen maskierte Jugendliche Steine und Molotow Cocktails auf Sicherheitskräfte in Qalandia geschmissen haben. Laut Ynetnews werden duzende Palästinenser bei Auseinandersetzungen mit IDF-Soldaten verletzt.

Flaschen auf Busse

Und auch am Damaskustor bleibt es nicht bei Plastikflaschen. Kurz vor 16 Uhr fährt einer der grünen, israelischen Egged-Stadtbusse an der Straße am Damaskustor entlang. Die Meute johlt, stellt sich vor den Bus, bringt ihn zum Stehen. Die Menschen hüpfen, schreien, es fliegen weitere Wasserflaschen und Gegenstände, die ich nicht erkennen kann. Wieder rücken die Soldaten vor, wieder rennen die Massen. Diesmal bis zum arabischen Busbahnhof.

Was genau passiert, ist – zumindest mir – zunächst unklar. Der Busbahnhof liegt in einem Hinterhof und ich habe ein mulmiges Gefühl, mich mit dem Mob zu bewegen, weil alles sehr eng und unübersichtlich wirkt. Ich schleiche also nur sehr langsam hinterher, bis ich Schüsse höre und plötzliche Menschen schreiend weglaufen. Ich renne auch los, und ärgere mich ein bisschen, dass ich nicht schnell genug war, um Bilder zu machen.

Ein paar Minuten später treffe ich am Damaskustor Freunde, die es gewagt und ganz nah dran waren, als am Busbahnhof Demonstranten Obst und Sicherheitsleute Tränengas warfen. Ein paar Menschen sollen leicht verletzt worden sein. Am späten Nachmittag, so heißt es, sollen sich die Demonstrationen dann in die verschiedenen Stadtviertel verlagern.

Mir reicht es erst mal, ich verfolge für den restlichen Tag die Proteste lieber im Fernsehen und im Internet.

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