Jesus aus Hollywood

Karfreitag in Jerusalems Altstadt ist ein verrückter Tag – aber im Grunde auch nicht viel verrückter als die anderen 364 Tage im Jahr auch. Vor allem aber ist es ein großes Medienspektakel.

Jesus stirbt zwischen orangefarbenen BHs und öligen Falafeln. Er überrascht mich damit, als ich bei Station VII rechts in die Via Dolorosa einbiegen will.  Zunächst ist es die Polizei (die echte, wohlgemerkt, mit großen Knarren), die mich fast über den Haufen rennt. Das Sträßchen ist schmal und überdacht, alles wirkt schon an normalen Tagen beengt.

Bei der Horde an Kameraleuten und Fotografen im Anmarsch bleibt mir heute nichts anderes übrig, als mich mit dem Rücken an die Wand zu stellen, auf Zehenspitzen, damit mir keiner auf die Füße tritt, und den blutüberströmten Jesus passieren zu lassen. Dann drücke ich mich zwischen Maria und andere orientalisch gekleidete Frauen, werde verdrängt, schubse zurück und folge.

Station sieben von insgesamt 14 Stationen ist die Stelle auf der Via Dolorosa, an der Jesus zum zweiten Mal zusammenbricht. Die Frauen in den roten, gelben und pinkfarbenen Gewändern schreien auf. Aber ihr waschechtes Amerikanisch („help Jesus, help Jesus, he is an innocent man“) enttarnt die Gruppe. Angeblich kommen sie aus Hollywood.

verkleidet & fotogen

Sie ist wohl eine der auffälligsten Gruppen, eine ausgesprochen fotogene noch dazu, die an diesem Karfreitag durch die Altstadt pilgert und den Leidensweg Jesu nachstellt. Aber wohl auch die Gruppe mit den wenigsten ernsthaften Pilgern im Schlepptau. Die Verkleideten ziehen vor allem Kameraleute und Fotografen an, sowie Touristen, die auf ausgefallene Bilder aus sind. Nur ganz wenige in der Gruppe scheinen ernsthaft berührt.

betend & in sich gekehrt

Laut Medienberichten sind an diesem Karfreitag  mindestens 2000 Gläubige aus aller Welt auf der Via Dolorosa unterwegs. Die meisten von ihnen aber erregen nicht so viel Aufsehen. Sie sind nicht verkleidet, tragen das Kreuz selbst, singen, beten, wirken in sich gekehrt. Doch diese Pilgergruppen sind keine Karfreitags-Spezialitäten. Ich habe sie, als ich noch in der Altstadt gewohnt habe, täglich, vor allem aber freitags in der Altstadt auf der Via Dolorosa getroffen. Mitten auf der Marktstraße im muslimischen Teil blieben sie stehen, um zu beten und zu singen. Meist dann, wenn ich es eilig hatte.

verrückt, das ganze Jahr über

Ich habe den Eindruck, dass vieles, was man in den Medien über Ostern in Jerusalem (oder Weihnachten in Bethlehem) hört, viel größer wirkt, als es letztendlich ist. Die Altstadt ist ein verrückter Ort mit sehr vielen verschiedenen, sehr gläubigen Menschen – an 365 Tagen im Jahr.

Nur eben nicht mit ganz so vielen professionellen Fotografen, Kameraleuten und auch nicht mit einer Schauspielergruppe aus Hollywood. Kurz vor der Grabeskirche wird der Hollywood-Jesus dann ans Kreuz gebunden. Da ist er bereits an zahlreichen arabischen Marktständen vorbeigelaufen, hat bunte Unterwäsche, Ledertaschen und Kaschmirschals passiert und den Geruch von öligen Falafeln eingeatmet, ist noch einmal gestürzt und hat die weinenden Frauen getröstet.

wie immer, nur teurer

Das ist das Verrückte am Karfreitag in der Altstadt. Der Rest der Stadt macht weiter wie bisher. Und der Leidensweg Jesus führt nun einmal durch eine der Haupteinkaufsstraßen des muslimischen Teils der Altstadt. Hier verkaufen heute Männer das, was sie auch sonst anbieten – nur vielleicht ein wenig teurer.

Jesus wird also vor Souvenirshops und Sicherheitsabsperrungen der Polizei ans Kreuz gebunden. Die Zuschauer hinter der Absperrung sehen davon nichts, weil Fotografen und Kameraleute über Jesus gebeugt die Sicht versperren. Erst, als ein paar Männer das Kreuz aufrichten, schweifen die Blicke zum Heiland. Ein paar Sekunden, dann verschwindet Jesus wieder unter den Kameras. Zwei Minuten später verlässt er, von Kopf bis Fuß in ein Leinentuch gehüllt, samt den Frauen den Schauplatz.

Fotografen wischen sich den Schweiß von der Stirn, zünden sich eine Zigarette an und schauen an, was sie in der vergangenen Stunde geknipst haben. „This is a good one“, sagt eine Fotografin mit französischem Akzent zu ihrem Kollegen. Der bläst Rauch in den blauen Himmel über Jerusalem, schaut auf die Kamera und nickt.  „Now let’s get some coffee. I know a place outside the old city.“

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